Die Militärseelsorge leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Resilienzstärkung.
Bild: ELKB
Militärseelsorge
„Der Krieg in der Ukraine hat viel verändert"
Herr Bernhardt, wie sind Sie zur Militärseelsorge gekommen – und was reizt Sie an dieser besonderen Aufgabe?
Seit 2022 bin ich von der Landeskirche beurlaubt und als Militärdekan an der Universität der Bundeswehr München tätig. Die Stelle ist auf sechs Jahre befristet, mit der Option auf Verlängerung. Das Reizvolle daran ist, dass man ein bisschen Gemeindepfarrer in der Hochschulgemeinde ist, Seelsorger und ganz nah an der spannenden Schnittstelle zwischen akademischer Lehre und Militär ist.
Was macht Ihre Position bei der Bundeswehr so besonders?
Das Interessante ist, dass ich zwar Teil des Systems Bundeswehr bin und dennoch unabhängig bleibe – ich bin nicht meldepflichtig. Diese absolute Verschwiegenheit schafft Vertrauen. Die von der Evang. Militärseeslorge in Auftrag gegebene neue Studie nennt diesen Schutzraum ausdrücklich. 95 Prozent aller befragten Soldatinnen und Soldaten ist die absolute Verschwiegenheit sehr oder eher wichtig.
Ich habe selbst Wehrdienst geleistet – damals noch 15 Monate –, was mir geholfen hat, mich mit Dienstgraden und Strukturen wieder vertraut zu machen. Zudem komme ich aus einer Soldatenfamilie: Mein Vater war bei der Bundeswehr. Die Erfahrung, was es bedeutet, alle paar Jahre umzuziehen und Beziehungen auf Distanz zu pflegen, erlaubt mir einen unmittelbareren Zugang zu vielen akuten Themen der Soldatinnen und Soldaten.
Welche Themen beschäftigen die jungen Menschen, die zu Ihnen kommen?
In der Seelsorge merke ich, dass die jungen Menschen verunsicherter in die Zukunft schauen und das Weltgeschehen sehr bewusst wahrnehmen. Dennoch sind die Themen häufig dieselben, die junge Menschen in diesem Alter nun einmal bewegen: die berufliche und private Zukunft, Beziehungen, Sinnfragen, Lebensfragen, ja, und auch der Umgang mit Tod und Krankheit. Ich bin immer wieder überrascht, wie stark unser Dienst als kath. und evang. Seelsorger hier nachgefragt wird und wie viele Soldatinnen und Soldaten das Gespräch mit uns suchen.
Sie haben kurz vor Ausbrauch des Ukrainekriegs ihren Dienst als Militärseelsorger angetreten. Wie haben die Soldatinnen und Soldaten auf den Krieg reagiert?
Der Krieg in der Ukraine hat einiges verändert. Eine große Verunsicherung setzte ein, und man spürte, dass der Dienst auf einmal sehr viel „ernsthafter“ wurde. Das Kriegsszenario in Europa wurde real, und die Soldatinnen und Soldaten haben natürlich darauf reagiert. Allerdings: Die jungen Menschen wurden 2022 von dem Krieg überrascht und haben ihren Dienst unter anderen Vorzeichen angetreten. Heute entscheiden sich Soldatinnen und
Soldaten sehr bewusst und unter der Voraussetzung Krieg in Europa, für die Bundeswehr. Ich merke in letzter Zeit zudem auch eine erhöhte Nachfrage von landeskirchlichen oder zivilgesellschaftlichen Einrichtungen, Pfarr-/Dienstkonferenzen und Gemeinden, die meine Expertise als Militärpfarrer abrufen. Das Thema Sicherheit in Europa ist ganz anders präsent als früher und die Bundeswehr wird anders wahrgenommen.
Inwiefern spiegelt sich das aus Ihrer Sicht auch in der friedensethischen Debatte innerhalb der evangelischen Kirche wider?
Die Friedensethik der evangelischen Kirche beschäftigt mich natürlich sehr. Ich finde die neue Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Frieden im Blick“ sehr gelungen – vor allem, weil sie erstmalig eine echte Wertschätzung der Soldatinnen und Soldaten beinhaltet. Diese Würdigung kommt bei den jungen Menschen hier sehr gut an, ist mehr als gerechtfertigt und war überfällig.
Wie erleben Sie die ökumenische Zusammenarbeit in der Militärseelsorge?
Ich habe noch nie so eng ökumenisch zusammengearbeitet wie hier. Mein katholischer Kollege und ich teilen einen Kirchenraum und haben unsere Büros auf demselben Flur. Wir sind in ständigem, auch theologischen, Austausch und organisieren Veranstaltungen gemeinsam. Auch zu dem neuen jüdischen Militärrabbiner hat sich rasch ein lebendiger und persönlicher Kontakt ergeben – diese Begegnungsmöglichkeiten empfinde ich als echte Bereicherung. Die Bundeswehr bietet für alle Militärseelsorger übrigens eine sogenannte „Grüne Woche" an – Lehrgänge, bei denen wir uns durch einfache Übungen und Sanitätseinweisungen mit dem System Bundeswehr vertraut machen können. Derzeit sind das rund 100 evangelische, 90 katholische und 7 jüdische Seelsorgerinnen und Seelsorger. Hinzu kommt die gleiche Anzahl an Militärsseelsorgeassistierenden, die eine zentrale Unterstützungsfunktion wahrnehmen.
Warum halten Sie die Militärseelsorge für unverzichtbar und notwendig?
Zusammenfassend kann ich sagen: Wir sind im System, aber nicht vom System. Wir gehören dazu und sind doch unabhängig. Das schafft Vertrauen zur Militärseelsorge bei Soldatinnen und Soldaten, dass sie sich im Gespräch öffnen und schwierige Herausforderungen durch das Entdecken eigener Ressourcen bewältigen. Mit anderen Partnern in der Bundeswehr (Pychosoziales Netzwerk) leistet die Militärseelsorge ihren eigenen unverzichtbaren Beitrag zur Resilienzstärkung.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Militärseelsorge?
Für die Zukunft wünsche ich mir in der Militärseelsorge zusätzliche Stellen – analog zum Ausbau der Bundeswehr. Das ist wichtig für die Soldatinnen und Soldaten. Ansonsten bin ich mit den Rahmenbedingungen von Seiten der Bundeswehr sehr zufrieden. Wir werden von der militärischen Führung bei wichtigen Themen und Abläufen einbezogen und sind als Gesprächspartner gefragt. So kann es weitergehen.